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Jogging-Point

An der Schwelle

Das gewohnte Zuhause als Garant für mehr Gesundheit

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Autor Dieter Buchholtz

Blitzartig schwankt sie mir entgegen. Eine alte Freundin unseres Hauses. Seit 35 Jahren hat sie uns immer wieder besucht. Weder wir als Gastgeber noch sie als Gast hat der Eisenbahnschwelle in der Mitte unseres Eingangsweges je Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt aber wäre es fast zu einem vermutlich folgenschweren Ausrutscher gekommen. Der nasse Balken war in kurzer Zeit leicht angefroren. Aus dem festen Stand auf rauen Pflastersteinen konnte ich sie gerade noch auffangen. Sie ist gerettet und ihr Geschenk, die Flasche Rotwein auch. Glück gehabt.
Am Folgetag versuche ich das glatte Holz aufzurauen, also rutschfest zu machen. Ziemlich fruchtloses Unterfangen. Im Anfall leichter Panik hole ich mir einen Satz Warnkegel im Mini-Format. Eine solche Übervorsicht kannte ich bei mir bisher nicht. Na ja, das Alter. Mit 70 wird man wohl weitsichtig vorsichtig.

Der Nachbar kommt auch gleich rüber und fragt, was passiert sei. Als er meine Story gehört hat, entnehme ich seinen mühsam lächelnden Gesichtszügen, dass er diese Warnhütchen wohl für maßlos übertrieben hält. Hätte ich in seinem Alter (45) auch so gesehen. Ich versuche die Situation aus der beginnenden Schweigespirale zu zerren: Bald werde ich wohl eine Schräge an die Stufe setzen, damit ich mit dem vermutlich später notwendigen Rollator über die Schwelle komme. Der Nachbar findet diesen Scherz auf meine eigene Rechnung nicht sonderlich gelungen und verabschiedet sich in seine Hobbywerkstatt. Er bietet mir beim Weggehen für später einen Kaffee am Kamin an.

Was ist, wenn…

Noch bin ich mit den Gedanken ganz woanders. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Was ist wenn? Was ist, wenn ich nicht mehr in unsere Dusche oder sogar die Badewanne steigen kann? Was ist, wenn ich die Treppen im Haus nicht mehr schaffe? Was ist, wenn ich mich in unserer viel zu schmalen Küche nicht mehr inklusive Rollator bewegen kann? Plötzlich wird mir siedendheiß klar, dass mein Haus viele Barrieren enthält, von denen ich die meisten in jüngeren Jahren eher als hipp und nicht als Hindernisse empfunden habe. Beispielweise die schmalen Türen und eben die Eisenbahnschwelle vorm Haus.

Plötzlich formt sich mir ein plastisches Bild zu der Forderung des Behindertenbeauftragten der NRW-Landesregierung, Norbert Killewald. Er bemängelt, dass in NRW mindestens 300.000 Wohnungen für Menschen mit Behinderungen umgebaut werden müssen. Dafür müssten die jeweiligen Wohnungen um etwa durchschnittlich sieben Quadratmeter größer sein. Insbesondere gilt die Notwendigkeit des Umbaus für Bäder, Flure, Türen, Küchen und Zuwege.

Nur drei Prozent behindertengerecht

Wie groß die Diskrepanz in der Realität ist, zeigt, dass von 8,6 Millionen Wohnungen in NRW nur drei Prozent behindertengerecht sind. Ähnlich sieht das Verhältnis in ganz Deutschland aus. Kein Wunder, denn für den Umbau zur barrierefreien Wohnung müssen etwa 15.000 Euro veranschlagt werden. Ich übertrage dieses große Thema einfach auf die älter werdende Bevölkerung. Denn die Übergänge von einer Behinderung und Behinderungen im Alter sind fließend.
Somit erscheint es auch nicht erstaunlich, dass sich deutschlandweit immerhin schon jeder zweite Bürger mit dem Thema „Wohnen im Alter“ beschäftigt hat. Dennoch ist der Wohnungsmarkt auf die älter werdende Bevölkerung nicht wirklich vorbereitet. Kommunen und Wohnungsbauer erscheinen in alten Bedarfskategorien festgezurrt. Es ist wohl deshalb auch völlig aussichtslos, dass wir angesichts solcher Bedingungen in kürzerer Zeit die notwendigen Grundlagen für das bearrierefreie Wohnen Älterer nachhaltig verändern können.

Wohnen zu Hause eine Sackgasse?

So stehe ich denn vor meiner eigenen Schwelle, kratze mir selbstverlegen meinen eigentlich gar nicht kratzbedürftigen Hinterkopf und sehe die Eigenheime um mich herum mit völlig anderem Blick. Na gut, wenn ich mir nun mein Zuhause seniorengerecht umbauen lasse, wenn ich meine Online-Verbindung aufmotzen lasse, wenn ich…Dann droht trotzdem Schwerfälligkeit, Rückzug, Einsamkeit, weil immer mehr Nachbarn in meinem Alter aus ihren Häusern ausziehen. Eine Sackgasse?
Nein. Ich wohne direkt an einer Spielstraße. Ich setze mich auf meine Eisenbahnschwelle – Kissen drunter, ist ja kühl. Nachdenklich lasse ich das blaue Spielstraßenschild auf mich wirken. Da spielt ein Erwachsener Fußball mit einem Kind. Der Geschlechtslose ist auch alterslos. Also was hindert uns Ältere, mit Kindern von nebenan mal Ball zu spielen – mit ihnen zu sprechen, ihnen zu helfen oder den Eltern Hilfe anzubieten?

Kürzlich sah ich im Fernsehen Alte in China, die von 18 bis 21 Uhr mit ihren Kofferadios vor die Tür gehen und tanzen. Sie erobern sich den öffentlichen Raum zurück. Selbst die Polizei zuckt die Schultern und erklärt sich als machtlos. Was also wäre, wenn wir unsere Spielstraße zum öffentlichen Raum für stärkere generationsübergreifende Begegnung machen?

Trauerspiel hinter den Fassaden

Ja, ich muss mir eingestehen, dass die wesentlich jüngeren Nachbarn das schon vorgemacht haben. Sie stellten ihre Teakholz-Gartengarnitur nicht hinter das Haus in den heckengeschützten Garten, nein vor das Haus. Und dafür haben sie extra eine große Fläche pflastern lassen. Was passierte? Manch einer blieb stehen, kam ins Gespräch. Selbst deutlich Ältere wagten einen Plausch – und freuten sich darüber, wie leicht doch Kontakt geht.

Und genau so habe ich es auch schon öfter gemacht. Ein Gewinn. Tut einfach gut. Genau das ist der Weg. Eine Vision muss her. Unser Quartier muss sich öffnen. In unserem Neubaugbiet, das inzwischen die eingangs erwähnten 35 Jahre alt ist, schlägt die Demografie lautlos zu. Hier vereinsamt einer oder eine, dort kommt immer häufiger der Krankenwagen, beim anderen Haus stand auch schon der Leichenwagen. Es reiht sich hinter den Fassaden immer enger ein Schicksal an das andere. Mehr oder minder zufällig hört man dann auch von Alkoholismus, Tablettenabhängigkeit, messieartigem Chaos. Der oder die eine musste schon den Schritt in ein Heim gehen.

Politiker reden von einem dramatischen Anstieg dieses demografischen Problems. Denn wir Alten sind die größten Wachstumseffekte in unserer Gesellschaft. Und damit wachsen eben auch vielfältige Schwierigkeiten, auf die sich die Gesellschaft noch nicht wirklich eingestellt hat.

Finanzielle Utopie als Bremse?

Inzwischen beschäftigen sich aber durchaus in zunehmendem Maße Politik, Wissenschaft, Gesundheitswesen und Wirtschaft mit diesem Thema. Eine Vielzahl von Konzepten, Vorschlägen, Visionen schwängern den Raum für sicherlich zumeist auch gut gemeinte Vorsorge und Betreuung. Riesige Summen werden für Neubauten, Pflegebedarf, Umbauten, kommunale Einrichtungen hochgerechnet. Vieles erscheint zumindest finanziell utopisch. Denn viele Kommunen sind schlichtweg pleite. Schon wegen der fiskalischen Gesichtspunkte wird es keine Patentlösungen geben.

Dazu kommt: Die Menschen vor Ort sind zu unterschiedlich. Die Orte der Menschen ebenso. Menschlich helfen heißt nicht, einfach wieder neue Steine irgendwo zu verbauen, Pflegetakte zu optimieren, Menschen in der Untätigkeit veröden zu lassen. Brauchbarer erscheinen mir Konzepte, die den Menschen so lange wie möglich in seinem Zuhause belassen, die Besonderheiten des Quartiers berücksichtigen, die Brücken schlagen, damit sich Menschen vor Ort füreinander öffnen, die Aufgaben auch im Sinne der Selbsthilfe schaffen.

Heute ausgeben und morgen sparen

Es gibt Leuchttürme, in denen – oft mit Hilfe verständisvoller Kommunen – generationsübergreifende Lebensformen gefunden werden, die die älteren Menschen in einer gemeinsam gelebten Sinnhaftigkeit auffangen, die achtsam mit den Einschränkungen der Senioren und Seniorinnen umgehen, die frühzeitig Schwierigkeiten von Mitbürgern erkennen – und helfen. Das funktioniert schon beim besonders preiswerten Mittagstisch im kleinen Restaurant nebenan. Hier treffen sich viele Ältere. Wenn einer mal fehlt, wird sich sofort gekümmert…ohne große Technik und institutionale Großorganisationen.
Haushälter in den Landesregierungen haben bereits ausgerechnet, was durch diese Art von häuslicher Sorge und Vorsorge gespart werden kann. In NRW hat eine aktuelle Studie ergeben, dass durch Verbesserungen in den Wohnungen etwa 600 Millionen Euro eingespart werden können. Anders ausgedrückt: Wir müssen heute ausgeben, um morgen sparen zu können.

Investition in immateriellen Wohlstand

Schlussendlich kann jeder Ansatz, alte Menschen in schwierigen Situationen zu begleiten der richtige sein – egal ob Heim oder Quartier. Entscheidend ist, ob die jeweiligen Lösungen möglichst dicht am Menschen orientiert sind. Sicherlich ist es am besten, wenn die Betroffenen mitgestalten, mithelfen können und dabei ihr gewohntes Umfeld nicht aufgeben müssen. Gefördert wird dadurch ganz sicherlich ein Mehr an sozialen Kontakten – und die braucht der Mensch bekanntlich als Lebensgrundlage. Innerhalb der Gesellschaft kann mit der demografischen Veränderung durchaus auch ein immaterieller Wohlstand wachsen, der uns generationsübergreifend kreative Perspektiven eröffnet. Das Abschieben von Menschen in Gettos darf nicht die Lösung sein.
Mein Nachbar hat wohl beobachtet, wie sehr ich mich in Nachdenklichkeit vom Umfeld abgekoppelt habe. Er bringt mir die aktuelle Zeitung und zeigt mit dem Finger auf einen Artikel: Rentner sollen große Wohnungen räumen. Ein Vorschlag der IG-Bau. Gewinkt werden soll mit 5.000 Euro als Lockprämie. Ja, wir selbst wohnen zu zweit in einem geräumigen Haus. Wir haben es, wie man so sagt, selbst geplant und gebaut. Wir hängen daran. Es ist ein wesentliches Stück unsereres Lebens. Ich beginne etwas sauer über den jungen Nachbarn zu werden. Sollte das ein Wink sein? Er beruhigt mich: Er findet den Vorschlag der Gewerkschaft nicht richtig. Na, dann bin ich mal wieder beruhigt. Jetzt hocken wir beide auf der Eisenbahnschwelle und ich erzähle eine meiner Geschichten aus dem langen Leben:
Beim Bau des Hauses vor über drei Jahrzehnten wollte ich eine behindertengerechte Dusche einbauen lassen, also breite Türen und Duschtasse ebenerdig. Der Architekt und meine Frau schauten mich nur mitleidig an nach dem Motto: Was bist du denn für einer? Ich hatte keinen Minderheitenschutz und steige dafür heute jeden Morgen in die höherstufige Duschtasse. Neben der Stufe vor dem Haus wird das vermutlich der nächste Umbau sein (müssen). Diesmal werde ich Handwerker bitten. Selber machen – wie jahrzehntelang – ist nicht mehr drin. Dennoch: Wenn ich dadurch mit meiner Frau länger in unserem geliebten Haus bleiben kann, dann ist das für mich eine unheimlich starke Lebensperspektive und damit zugleich Motivation.

Dieter Buchholtz


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