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Altmodisch? Ja bitte!

Autor Gisbert Kuhn

Ich gebe zu, ich bin in vielen Lebensbereichen ein altmodischer Mensch. Das passt zwar nicht sonderlich in eine Zeit, in der so etwas als „zopfig“ gilt, weil alles immer möglichst schnell gehen soll und (tatsächlicher oder auch nur vermeintlicher) Effizienz im Zweifelsfall Vorrang vor einem gesitteten menschlichen Umgang miteinander eingeräumt wird. Aber ich stehe trotzdem dazu. Ja, mehr noch sogar: Ich bin mitunter ausgesprochen gern das, was nicht wenige Zeitgenossen – eher abschätzig – als „rückständig“, auf jeden Fall aber „überholt“ bezeichnen. Damit meine ich nicht, dass ich ein Auto fahre, welches im vergangenen Sommer 40 Jahre alt wurde. So etwas ginge ja wahrscheinlich selbst in modernen Lifestyle-Kreisen als „trendy“ durch. Nein, mein Hang zum scheinbar Altväterlichen hat vor allem mit Sprache und Verhaltensformen zu tun. Kurz, mit dem, was man früher mit Erziehung, Benehmen, Höflichkeit, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft bezeichnete. Oder ganz einfach auf die (natürlich ebenfalls längst ausgemusterte) Formel brachte: So etwas tut man, beziehungsweise tut man nicht.

Sprachliche Distanz statt lästiger Kumpanei

Ich habe nichts dagegen, von Freunden oder guten Bekannten mit einem fröhlichen „Hallo“ begrüßt zu werden. Denn darin klingt ja durchaus ein gewollter Grad von Vertrautheit durch. Aber ich mag es nicht, von Hinz und Kunz diese dann nichtssagende Floskel ins Ohr geblasen zu bekommen – vielleicht sogar noch angereichert mit einem süßlich klingenden, sprachlich am Ende affektiert nach oben gezogenen „…oho“. Stattdessen ziehe ich es vor, beim Betreten eines Wartezimmers oder beim Brötchenholen im Bäckerladen den dort schon Wartenden vernehmbar einen „Guten Morgen“, „Guten Tag“ oder „Guten Abend“ zu wünschen. Dass dies zumeist (und deutlich erkennbar) Verblüffung auslöst, verursacht mir – zugegeben – ein gewisses Vergnügen. Unbehagen hingegen bereitet mir die zunehmende Manie des Duzens. Vor allem, weil die deutsche Sprache diese fabelhafte Unterscheidung von „Sie“ und „Du“ zulässt. Ich möchte mich nur mit wirklichen Freunden duzen – das heißt, mit solchen, die ich mir selbst aussuche und die mir nicht per Klick von einem elektronischen Medium namens facebook zugeordnet werden. Sprachliche Distanz bewahrt vor lästiger Kumpanei und ganz gewiss auch vor der einen oder anderen Anpöbelei vor allem in den so genannten sozialen Medien.

Noch mehr Geständnisse eines Anhängers altfränkischer Gepflogenheiten gefällig? Ich sende nach wie vor von Hand geschriebene Briefe zu bestimmten Fest- oder persönlichen Feiertagen an Menschen, die mir wichtig sind und die das dadurch auch spüren sollen. Umgekehrt allerdings erwarte ich ähnliches auch mir gegenüber und reagiere deshalb  (von wenigen Ausnahmen abgesehen) prinzipiell nicht auf digitale Postwurfsendungen. Das mag man als eine Marotte bezeichnen. Richtiger, freilich, wäre es, in solchem Handeln den Ausdruck besonderer Zuwendung oder auch Respekt gegenüber dem Andern zu sehen. Im Übrigen ziehe ich das direkte Gespräch natürlich allemal dem digitalen Chat vor. Der Klang der Stimmen während der Unterhaltung, die wechselnde Mimik, die das Wort unterstützende Gestik der Hände – wie kümmerlich ist dagegen das (meistens auch noch falsch geschriebene und aus albernen Abkürzungen bestehende) Gestammel auf den Monitoren der Handys. Diese getippte Sprachlosigkeit erreicht ihren Gipfel vor allem dann, wenn sich – etwa in einem Restaurant – ein Paar gegenübersitzt und jeder der Beiden stumm die Tastatur des Mobilphones malträtiert. Da mischt sich beim altmodischen Beobachter auch schon mal fassungsloses Staunen mit Bedauern.

Sprache ist mehr als nur Wortklauberei

Nun könnte man mit Recht einwenden, es sei doch wohl jedermanns eigene Sache, wie er sich im Verein mit anderen Leuten gibt, wie er spricht und wie er kommuniziert. Das ist, so allgemein gesehen, ohne Zweifel richtig. Diese Sichtweise lässt indessen außer Acht, dass Sprache viel mehr ist als nur das Aneinanderreihen von Worten. Sprache ist Inhalt. Sie steuert menschliche Handlungsweisen und beeinflusst entscheidend nicht nur den Ton, sondern mindestens genauso das Verhalten im Umgang miteinander. Wenn im täglichen Sprachgebrauch die Grenzen des Anstands fallen und verbale Gewalt zur Normalität wird, dann ist es bis zur Anwendung physischer Gewalt nicht mehr weit. Wenn bei Demonstrationen unwidersprochen Hassbegriffe wie „Volksverräter“ gerufen werden können, braucht sich niemand zu wundern, dass radikalisierte Zeitgenossen dies als Aufforderung zu brutalem Handeln verstehen. Dass eine solche Erwähnung nicht der Fantasie eines ängstlichen Gemüts entspringt, beweist jeden Tag der Blick in die Zeitung.

Dieses Land ist stolz auf seine Liberalität und Toleranz. Jedenfalls sagen es die meisten Bürger – und die Politiker sowieso. Man besingt die „Werte“ unserer Gesellschaft und weiß auf Befragen häufig genug nicht, was eigentlich damit gemeint ist und von der Verfassung geschützt wird. Insoweit ist die viel beschworene „Toleranz“ bei näherem Hinsehen oft genug nur ein beschönigender Begriff, hinter dem in Wirklichkeit Unkenntnis, mitunter aber auch Feigheit stecken. Aus dem Römischen sind uns zwei sehr kluge Mahnungen überliefert. Die eine lautet „Wehret den Anfängen“, die zweite „…und bedenket das Ende“. Keine Frage, dieses Deutschland ist, ungeachtet aller Schwierigkeiten und ganz gewiss auch Unzulänglichkeiten, eines der am besten funktionierenden Staaten der Welt. Mögen die Weltuntergangs-Prediger noch so sehr das Ende von Recht, Freiheit und Demokratie prophezeien. Trotzdem kann kein Zweifel bestehen, dass gefährliche Viren unterwegs sind und Zweifel an der gesellschaftlichen Abwehrkraft erlaubt sind. Wenn in den Schulen Gewalt gegen Lehrer zunimmt und dies von den Schulleitungen bis hinauf zu den Kultusministerien aus unterschiedlichen Gründen unter den Teppich gekehrt wird, dann ist Gefahr in Verzug. Wenn Polizisten in Ausübung ihres Dienstes bedroht und beleidigt werden, ohne Rückendeckung aus der Politik zu erhalten, dann ist Gefahr im Verzug. Wenn Feuerwehr- und Rettungskräfte von Gaffern behindert werden, ist Gefahr im Verzug. Wenn Eltern – egal ob „heimische“ oder zugewanderte – ihre Kinder nicht zur Schule schicken und dies nicht geahndet wird, dann ist Gefahr in Verzug.

Lafontaines „Sekundärtugenden“

Was aber hat dies denn nun mit dem eingangs angestimmten hohen Lied für das „Altmodische“ zu tun? Na klar doch – alles! Das Hochhalten der Sprache als oberster Kulturträger eines Volkes setzt ganz wesentlich den Rahmen für ein gesittetes Miteinander, ohne den es keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt geben kann. Wenn in diesem Bereich die Grenzen des Anstands eingerissen werden, fallen sie früher oder später auch im bürgerlichen Milieu. Sehr zum Ärger des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt hatte dessen (mittlerweile zu den SED-Nachfolgern „Die Linke“ abgewanderter) Parteifreund Oskar Lafontaine Werte wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Fleiß usw. als „Sekundärtugenden“ verunglimpft, mit denen im Zweifel auch Kz´s betrieben werden könnten. Aber ohne sie wird keine Gesellschaft, keine Gemeinschaft, ja nicht einmal eine Familie bestehen. Sie sind altmodisch, ja. Aber ich bekenne mich ohne Einschränkung dazu. Altmodisch? Ja bitte!

Gisbert Kuhn

   

  

 




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