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Alter Protest

Eine Erfolgsstory trotz Falten

Dieter Buchholtz

Die Model-Agenturen schaffen in Fotoarchiven Platz für reifere Menschen mit Ausstrahlung – und natürlich passender Figur. Das machen die professionellen Werbegestalter natürlich nicht ohne Grund. Schließlich verdienen sie Geld damit. Und dies, weil die Wirtschaft die jungen Alten als kaufkräftige Konsumgruppe entdeckt hat. Hier sitzen Milliarden Euro, kombiniert mit der Bereitschaft, diese in hohem Maß für die eigene Lebenslust auszugeben. Ein nachhaltiger Wachstumsmarkt also.

Was aber den wenigsten Ü50ern bewusst ist: Wer so viel Geld und Power hat, besitzt auch Macht. Es  sollte eben nicht ausreichen, darauf zu warten, wann und wie sich Wirtschaft und Politik auf die berechtigten Bedürfnisse dieser sich neu formierenden Bürgerschicht allzu zögerlich einlässt. Mit starkem Engagement der Betroffenen lassen sich die Dinge durchaus beschleunigen. Das haben die 60er und 70er Jahre in vielen gesellschaftlichen Bereichen gezeigt.  Durch angemessene politische Aktivität kommen wir berechtigt früher in den Genuss von Dingen, die uns das Leben im Alter erleichtern. Und  die Zeit wird bekanntlich mit fortschreitendem Alter immer wertvoller. Erinnert sei an erforderliche generationsgerechte Ausformungen beispielsweise im Verkehrswesen, in kommunalen Infrastrukturen, im Produktdesign usw. usw. Drücken wir es einfacher aus, dann erleichtert es die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, wenn in akzeptabler Nähe mal ein Stuhl oder eine Bank steht, wenn die Dinge leichter lesbar sind, wenn die nächste Toilette schneller zu erreichen ist. Von Rentengerechtigkeit, generationsübergreifendem Leben und Wohnen, flexiblen Altersgrenzen ganz zu schweigen.

Stoff für revolutionäre Schritte

Die ältere Generation hat heute die große und vielleicht sogar historische Chance, deutlich stärker auf die Gestaltung unserer Gesellschaft einzuwirken. Wirtschaftliche Potenz, ausgeprägte Lebenserfahrung, längere und gesündere Lebenszeit, um die 60 herum auch mehr Zeit: Das sind Komponenten, aus denen der Stoff für revolutionäre Schritte nach vorne erwachsen kann. Denn es stimmt ja nicht nur, dass alle Alten immer zurückblicken, also in der Vergangenheit leben. Wenn auch die Verführung dazu sicherlich groß ist, so tut es dieser Altersgruppe gut, sich ein Stück mit dem Smartphone, dem Tablet-PC oder über soziale Netzwerke für gemeinsame Ziele zu vernetzen. Das lenkt dann gehörig von den Geschichten über das Gestern ab. Machen wir es doch einfach der Jugend nach: Auch wir können Flashmob oder uns mit Freunden über Facebook zum politischen Austausch treffen. Zum Start up, um etwas zu bewegen.

Was aber ist die Realität? Die Touristik (Kreuzfahrten), das betreute Leben (Senioren-Residenzen), die Freizeit-Kultur (Seniorensport), die Schönheitsmedizin (Facelifting), die Wellness-Welt (zwischen Massage und Yoga), all das kennzeichnet Lebensbereiche, in denen die Grauhaarigen teilweise schon regelrecht dominieren. Hier fühlen sie sich wohl und teilweise wie zu Hause. Damit proben sie aber keineswegs eine feindliche, sondern eine durchweg freundliche Übernahme von Marktanteilen. Das machen sie lautlos, eben mit Geld, Beharrlichkeit und Qualitätsbewusstsein. Und genauso wie die junge Generation gehen sie so gut wie nie auf die Straße.

Oder? Stimmt wohl nicht ganz, denn eine erste systematische Studie hierzu vom Göttinger Institut für Demokratieforschung hat festgestellt, dass der Bürgerprotest durchaus betagt daher kommt. Das Fazit der Wissenschaftler ist, dass im älter werdenden Deutschland zukünftig die Bürgerprotestler vermutlich noch stärker die Rolle als “Organisatoren der Unzufriedenheit” übernehmen werden. “Spätestens zwischen 2015 und 2035 werden sich Hunderttausende hochmotivierter und rüstiger Rentner in den öffentlich vorgetragenen Widerspruch begeben.” Und hier sind es dann vorrangig heute schon die Bildungsbürger. Sie sind bisher gegen die Bankenherrschaft, Energiewirtschaft, Stuttgart 21 oder Bildungsmissstände auf die Straße gegangen. Alter Protest auf neuen Wegen. Geht doch.

Nicht alles im grünen Bereich

Die jungen und dynamischen Alten könnten aber auch lauthals gegen Altersdiskriminierung, Rentenkürzungen, Verluste bei ihrer Altersversorgung durch Niedrigzinseffekte bei ihren Lebensversicherungen protestieren. Eine Medienüberschrift wie „Mehr als jede zweite Rente unter 700 Euro“ könnte bei vielen den Wutbürger hochkochen. Da möchte man doch gleich auf die Straße rennen und lauthals die soziale Ungerechtigkeit und die Altersarmut in das verkrustete öffentliche Bewusstsein hineinschreien.

Aber Halt! Hinter der plakativen Durchschnittszahl lauert für den Protest-Sponti argumentativer Gegenwind. Nach Ansicht der Bundesregierung und Rentenversicherung weisen die Zahlen nicht auf einen Anstieg der Altersarmut in Deutschland hin. Danach sind nur zwei Prozent der Altersrentner über 65 Jahren auf zusätzliche Grundsicherung angewiesen. Denn die niedrige Zahl entsteht u.a. durch Selbständige und durch Hausfrauen, die nie in die Rentenversicherung oder nur wenig eingezahlt haben, auch durch Beamte, die als Angestellte in ihr Berufsleben gestartet sind.

Altersarmut entsteht in vielen Fällen auch deshalb nicht, weil das Einkommen des Partners, eine Betriebsrente, Zahlungen aus Lebensversicherungen, eine Riester-Rente, eine Beamtenpension oder eine Hinterbliebenen-Rente hinzukommen. So liegt denn das Durchschnittseinkommen von Rentnerehepaaren bei 2.433 Euro. Also alles im grünen Bereich? Eher nicht, wenn man den Blick in die Zukunft richtet. Hier geraten vermutlich immer mehr Rentner nach langer Arbeitslosigkeit oder prekären Beschäftigungsverhältnissen dann doch in die Altersarmut. Das wiederum kann unsere Kinder und Enkelkinder treffen – und uns nicht egal sein.

Bundestagswahl als Chance

Wir, die wir rentensystemisches Glück gehabt haben, stehen hier in der generationenübergreifenden Verantwortung. Aber genau das ist das Spannungsfeld zwischen genießerischem Alterswohlstand und politischer Wachsamkeit gegenüber möglicher Altersarmut. Wenn sich die Mehrheit der Rentner in der gegenwärtigen Lebensphase offensichtlich pudelwohl fühlt, dann fehlt einfach das Feuer für lautstarken Protest. Nun muss es ja nicht gleich um Barrikaden und Umsturz gehen. Wir können ja dank bewährter demokratischer Spielregeln auch anders.

Eine besondere Chance ist die anstehende Bundestagswahl am 22. September 2013. Auch in diesem urdemokratischen Event bekommt der ältere Wahlbürger unmerklich einen immer größeren Stellenwert. Genau wie bei der Protestpopulation spielt bei dieser bundespolitischen Wählerentscheidung die Bildung eine große Rolle. Denn je bildungsferner der Bürger ist, um so weniger geht er zur Wahlurne. Und der junge Wähler scheint Jahr für Jahr die Begeisterung für die kleinen Wege der Demokratie zu verlieren. Die älteren Wähler dagegen gehen aus Gewohnheit oder aus Verantwortungsgefühl deutlich eher ins Wahllokal. Ein sehr schöner demokratischer Zug von ihnen.

Den Parteien Beine machen

Was aber wohl fehlt, ist das Bewusstsein, die Parteien stärker darauf hin abzuprüfen, was sie für die Ü50-Generation tun oder tun wollen. Schon im Vorfeld könnte diese reifere Wählerschaft den Parteien ein wenig Beine machen. Denn immerhin liegt der Anteil älterer Wähler (ab 60 Jahre) schon bei gut 30 Prozent. Das ist doppelt so viel wie die jüngere Generation unter 30 Jahren aufbringt. Die Wahlbeteiligung der 60- bis 69-jährigen betrug bei der Bundestagswahl 2009 immerhin 80 Prozent. Bei den 21- bis 24jährigen waren es nur knapp 60 Prozent. Die ältere Generation hätte hier also durchaus eine ganz lupenrein demokratische und lautlose Möglichkeit, ihre Interessen durch die Wahl zur Geltung zu bringen.

Erinnern wir uns an die 68er Revolution. Ein Stück davon haben wir Älteren doch alle mit in die Gegenwart genommen. Oder? Es gilt heute, diese Gesellschaft fit zu machen für generationsübergreifende Innovationen. Wir brauchen Gestalter mit Lebenserfahrung, die ihre Zeit, ihr Vermögen auch für neue Wege im Zusammenleben der Generationen einsetzen. Es kann ja durchaus auch Spaß machen, über Smartphone und ein soziales Netzwerk mit allem Ernst die Demo für einen generationenfreundlichen Stadtteil zu organisieren.

 

Dieter Buchholtz

 

br /p




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