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Alte Täter – Alte Opfer

Skurrile Kriminelle – Altengefängnisse – Senioren als Raser-Opfer

Autor Dieter Buchholtz

Ganz klar: Wenn die Bürgerinnen und Bürger in unserem Land immer älter werden, dann tauchen umso mehr auch die Älteren und Hochbetagten in Statistiken auf. Hier ist Umlernen in Perspektiven und Wahrnehmungen bei Verantwortlichen angesagt. Jüngere aber empfinden es trotz vielfachen Umdenkens nach wie vor als skurril, wenn – aus ihrer Sicht – richtig alte Menschen Dinge tun oder erleiden, die insbesondere in der medialen Wahrnehmung eigentlich eher Jüngeren vorbehalten sein sollten.

Nehmen wir das Delikt Erpressung. Gefühlt legen wir hierbei mal locker das Durchschnittsalter auf zwischen 30 und 50 fest. Wenn dann aber ein 74-jähriger Rentner aus Geldmangel den Bonner Süßwarenhersteller Haribo um eine Million zu  erpressen versucht, dann wird daraus insbesondere deshalb eine mediale Sensation, weil der Kriminelle schon so alt ist. Oder nehmen wir die 80-Jährige, die eine 63-Jährige mit einer Blumenvase und Messerstichen getötet haben soll. Neigen wir in unserem Altenbild nicht überwiegend dazu, solche Verbrechen beiseite zu schieben mit dem Gedanken: Die machen so etwas doch in diesm Alter nicht mehr?

Seniorenresidenz hinter Gittern

Der Blick auf statistische Fakten zeigt: Sieben Prozent der in 2014 rund 2,15 Millionen polizeilich ermittelten Tatverdächtigen sind 60 Jahre und älter. Nur ein kleinerer Teil von diesen Personen wandert schießlich ins Gefängnis. So hat beispielweise die Justizanstalt Rheinbach eine Abteilung für Senioren. Das baden-württembergische Singen leistet sich bereits eine komplette Anstalt für „lebensältere Gefangene“ – im Alter zwischen 62 und 87. Ein Drittel der Insassen sitzt in der „Seniorenresidenz hinter Gittern“ wegen Mord und Totschlag. Diese Menschen begegneten in ihren jüngeren Jahren der schärfsten Waffe unseres Rechtsstaates.

So ist es nun mit Recht auch zwei Mördern in Berlin gegangen. Die beiden 28 und 25 Jahre alten Männer werden wohl eine lebenslange Gefängniskarriere beginnen. Ihre Tat: Ein mörderisches Autorennen in der Berliner Innenstadt. Der 28-Jährige überfährt mit 160 Stundenkilometern eine rote Ampel – und kollidiert mit dem Jeep eines 69-Jährigen. Der Rentner stirbt noch in seinem Wagen. Er wird Opfer einer Imponiersucht. Die Täter mit schon einigen Auffälligkeiten vor der Katastrophe haben mögliche tödliche Folgen billigend in Kauf genommen. Sie sind nicht alkohol- oder drogengefährdet. Also keine mildernden Umstände. Denn, so der Richter: „Raserei ist keine seelische Krankheit.“ Gut so. Und weiter: Beide Killerfahrer werden in diesem Leben nie wieder einen Führerschein bekommen. Und nicht bloß vier Wochen Führerscheinentzug wie in etlichen anderen Fällen.

Frühzeitig Führerschein weg

Das Urteil der Berliner Richter hat erhebliches mediales Aufsehen erzeugt. Wohl nicht so sehr, weil das Opfer ein älterer Rentner ist. Vielmehr schien es bisher nicht möglich, irrwitzige Autorennen in urbanen Cities engemessen zu ahnden, ganz besonders dann, wenn Schwerverletzte oder sogar Tote zu beklagen waren. Es ist daher in vollem Umfang die Bewertung von NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) zu unterstreichen, wenn er das harte Urteil begrüßt: „Die hohe Strafe in diesem Einzelfall darf uns aber nicht darüber hinweg täuschen, dass wir härtere Strafen schon für die Teilnahme an illegalen Autorennen brauchen. Junge Männer, die als ´Trendsport´ in unseren Innenstädten um die Wette rasen, müssen wir mit einer spürbaren Haftstrafe und Führerscheinentzug abschrecken, bevor etwas Schlimmes passiert.“

Dass manches zwischen Maß und Maßlosigkeit in unserer Rechtspraxis nicht so recht ausbalanciert erscheint, spüren wir fast täglich, wenn Medien darüber berichten, dass die Polizei Täter dingfest macht und diese kurze Zeit später feichsend vor Opfern wieder frei herumlaufen, weil aus Sicht der Justiz kein Haftgrund vorliegt oder Bewährung den Weg zur Besserung nicht versperren soll.

Schreie und Schock bei der Urteilsverkündigung

Wenn dann aber, wie im Berliner Fall, die Richter mal die Möglichkeiten dieses Rechtsstaates nachhaltig ausschöpfen und eine angemessene Gewichtung zwischen Tat und Strafe finden, dann muss einem zu denken geben, dass bei der Verkündigung des Urteils Zuschauer schreien und die Angeklagten schockiert sind. Das kommt ja auch nicht von ungefähr. Werteten doch Juristen bisher solche Fälle als Körperverletzung mit einem geringen Strafmaß. Schon lange war klar: Das ist völlig unverhältnismäßig. Richter Ralph Ehestädt machte deshalb in diesem Fall deutlich, dass die Täter mit einem bedingten Vorsatz gehandelt hätten. Mit dem Auto hätten sie ein gemeingefährliches Mittel eingesetzt: „Schon eine Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern zeigt einen bedingten Tötungsvorsatz.“ Dem kann ich als juristischer Laie und häufiger City-Walker nur uneingeschränkt zustimmen.

Das wollen wir uns nicht gefallen lassen

Bei derartig dramatischen Vorfällen, die in diversen deutschen Städten die Bürger gefährden und damit verängstigen, darf auch ein wichtiger Nebenaspekt nicht außer Acht gelassen werden: Abschreckung. Darauf hofft auch der Verkehrsspsychologe Haiko Ackermann: „Es ist auf jeden Fall ein Signal in die Gesellschaft, das deutlich macht, dass wir uns das nicht gefallen lassen.“

Dann bin ich mal auf die Verhandlung ab 29. Mai 2017 vor dem Landgericht Hagen und das Urteil  gespannt. Angeklagt sind zwei Männer im Alter von 34 und 47 Jahren. Sie hatten am 19. Mai 2016 ein mutmaßliches Rennen in der Hagener Innenstadt veranstaltet. Fünf Menschen wurden schwer verletzt. Ein Sechsjähriger schwebte mehrere Tage in Lebensgefahr. Noch wird den Angeklagten „nur“ vorsätzliche Straßenverkehrsgefährdung und fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen.

Denn immer noch gilt – rechtlich – prinzipiell: Wer an einem illegalen Rennen teilnimmt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Lächerlich und politisch ignorant ist das gegenüber den Opfern oder zumindest Gefährdeten. Hier muss dringend und sehr schnell umgesteuert werden.

Dieter Buchholtz




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