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Heiße Sachen im Advent

Ungezählte Weihnachtsmärkte und ein Kultgetränk

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Der “Engel-Treff” (li) am Bonner Weihnachtsmarkt ©ReinholdSchönemund

Deutschland glüht. Wie jedes Jahr liegt unser Land mit vorandventlichem Glühweinfieber im Stimmungsgewühl. Weihnachtsmärkte sind Kulisse für den Konsum eines Kultgetränks, dessen Vorläufer schon in der Antike durch die Kehlen rannen. Auch mich lockt wieder der würzige Duft. Meine vorjährige Marktabneigung habe ich schnell unter einem riesigen Weihnachtsbaum versteckt.
Es ist dunkel, die weihnachtlichen Lichteffekte kommen richtig gut raus. Vorbei geht es an mäßig besuchten, aber schönen Ständen mit einer Unzahl von Kunsthandwerk. Auf dem Bonner Weihnachtsmarkt steuere ich den „Engel-Treff“ an. Schon 50 Meter vorher wird das Gedränge deutlich größer. Optischer Haltepunkt für mich ist ein Windrad und darunter sich drehende, bunte Riesenengel. Hier wird Glühwein in Mengen ausgeschenkt. Wer in der heißen Gewürzcocktailszene mit gutem Wein und immer noch deutlich Zucker dazu gehören will, ist hier gut aufgehoben. Zumal dieser leuchtende Anbieter auch noch von jedem verkauften Nürnberger Christkindl-Glühwein zehn Cent an die Aktion Weihnachtslicht des Bonner General Anzeigers spendet. Hiermit wird armen Bürgern geholfen nach dem rheinischen Motto „Echte Engel stonn zosamme“.

In Bonn auf ein Schlückchen „Glüh“

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Ralf Reifenberg am Glühweinzapfhahn ©dieterbuchholtz

Also richtig toll, was sich damit die Betreiber-Familie Kipp zum zehnjährigen Bestehen ihrer sich immer drehenden Pyramide haben einfallen lassen. Irgendwie bin ich aber ein Gewohnheitstier, auf keinen Fall ein Ren(n)tier. Wie von magischer Hand gesteuert, verschwinde ich wieder in der tristen Tiefgarage und mache mich auf den Weg in den nahe gelegenen Bonner Stadtteil Godesberg. Es ist Tradition, dass ich den ersten Glühwein bei meinem Freund Ralf trinke. Es geht da ruhiger, einfach familiärer zu. Ralf (50) ist wieder da – und ohne zu fragen steht, kaum bin ich am Tresen, eine Tasse Glühwein herrlich duftend mit kleinen Wolken vor mir.
Jedes Jahr baut Ralf Ende November seine Holzhütte auf. Seit 13 Jahren. Und immer wird irgendetwas neu gemacht. Diesmal sind es überdachte Stehtische, die in fast weißem Holz im Außenbereich auf ein Schlückchen „Glüh“ einladen. Und eine ebenfalls selbst gebaute Tür-Schließanlage für jene, die es in „Ralfs Glühwein-Stube“ warm haben wollen. Über einen langen Holzstift steht links „auf“ und rechts „zu“. Nicht jeder schafft diese technische Herausforderung auf Anhieb. „So´n Schloss haben schon die alten Ägypter gehabt“, lächelt Ralf in sich hinein.
Heute steht Ralf Reifenberg wie jeden Saison-Tag seit neun Uhr morgens hinter dem Tresen. Zwischen Kasse, Zapfanlage, Spülmaschine und Kasse. Noch ist er alleine. Gleich kommt seine Helferin Konny. Er wird erst kurz vor Mitternacht seinen Glühweinstand verlassen. Ich bestelle einen Kinderpunsch, weil ich mit dem Auto nach Hause will. Schon ruft einer hinter ihm vom Außentresen: „2 Glühwein, 1 Eierpunsch, 2 Kinderpunsch!“ Gelassen und routiniert füllt Ralf die Becher – Eierpunsch gibt es im Glas mit Sahnehäubchen oben drauf und Trinkhalm drin.

Durchlauferhitzer garantiert stabile Temperatur

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Der Nikolausmarkt lässt die Bad Godesberger Innenstadt in weihnachtlichem Glanz erstrahlen

Es ist jetzt kurz vor sechs Uhr abends. Das Geschäft läuft wieder stärker an. Immer mehr Kunden drängeln sich um die Glühweinhütte, die Ralf damals als 37Jähriger selbst gebaut hat. Darunter Stammkunden, Bekannte, Freunde. Ralf ist mit seinem heißen Getränkeangebot für viele ein Anlaufpunkt in der Adventszeit. Man trifft sich mitten auf dem Bonn-Bad Godesberger Nikolausmarkt. Vorteil: Hier ist das Gedränge nicht so groß wie auf dem Weihnachtsmarkt in der Bonner Innenstadt.
Absoluter Renner ist und bleibt der Glühwein. Ralf hält gerade wieder einen dunkelblauen Becher unter den Zapfhahn – es dampft mächtig. Und es gehen 0,2 Liter und damit 200 Kalorien dieses mindestens siebenprozentigen Advent-Heaters über den Holztresen. Wie heute fast alle Glühweinanbieter auf Märkten benutzt auch Ralf so eine Art Durchlauferhitzer. Das heißt: Der fertige kalte Glühwein wird aus einem Behälter gepumpt und dann automatisch und verlässlich auf Betriebstemperatur gebracht. Für ein solches Zapfsystem muss man schon etwa knapp 3.000 € hinlegen, um in der Liga der Glühweinverkäufer mitzuspielen.
Also die richtige und verträgliche Mischung bei diesem heißen Getränk hat auch immer etwas mit Vertrauen zu tun. Das aber bringt Glühwein-Wirt Ralf auch seinen Gästen aller Altersstufen entgegen. Er möchte ihnen nicht „nicht unterstellen, dass sie die Becher nicht zurückbringen.“ Und daher nimmt er auch kein Pfand. Mit seinem Modell „Vertrauen gegen Vertrauen“ ist er einzig – zumindest auf den Bonner Weihnachtsmärkten. Sein Fazit: „Das Vertrauen in meine Gäste hat sich bewährt.“

Bußgeld für Rudolf Kunzmann in Augsburg

Nicht vertraut haben übrigens 1956 Augsburger Beamte dem Winzer Rudolf Kunzmann. Dieser hatte zum ersten Mal in der Neuzeit einen fertigen Glühwein gemischt und abgefüllt. Vom Marktamt bekam er einen Bußgeldbescheid, weil er durch das Zuckern gegen das damals geltende Weinrecht verstoßen hatte. 2000 Jahre vor dem Augsburger Glühweinfall versetzten schon die Römer Wein mit Gewürzen, um ihn länger haltbar zu machen. Die Veredelung von Wein beschrieb bereits der damalige Kochbuchautor Marcus Gavius Apicius: Zimt, Lorbeer, Thymian und Koreander. Heute sind es Gewürze wie Anis, Kardamon, Muskat, Nelken, Piment oder Zimt.
Gut im Trend liegt Ralf auch mit der eindeutigen Deklarierung des Weines, der ja der wesentliche Inhalt seines Glühweins ist: Montepulciano, ein farbintensiver toskanischer Rotwein. An anderen Ständen liest man auch Dornfelder Wein, zuweilen Spätburgunder oder Portugieser. “Die Leute wollen einfach besseren Wein,“ hat Ralf in der letzten Zeit festgestellt. Ist also die Zeit des dicken Kopfes nach wenigen Gläsern Glühwein vorbei? Ursache dafür können viele Komponenten sein. So ist es sehr wichtig, dass der Glühwein keinesfalls über 80 Grad Celsius erhitzt wird. Dann verdampft der Alkohol. Die Gewürze verändern ihren Geschmack nachteilig. Ein roter Glühwein wird schnell braun. Noch schlimmer: Es entsteht das Zuckerabbauprodukt Hydroxymethylfurfural. Das steht unter dem Verdacht krebserregend zu sein.

Glühwein-Königin Anne-Cathrine Ferber: Erst „Glüh“, dann Kinderpunsch

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Glühweinkönigin Anne-Cathrine Ferber (24) ©Roland Morgen

Ein weiterer Grund für Unwohlsein ist natürlich der Irrtum, das einem in der Kälte durch einen Glühwein nachhaltig warm wird. Das Ethanol erweitert zwar die Blutgefäße. Dadurch gelangt mehr Blut an die Hautoberfläche. Der Körper gibt aber die Wärme auch schneller ab. Man friert danach stärker als zuvor.
Und es gibt immer noch Risiken für die Glühweinverkäufer. Nach wie vor kämpfen sie gegen rufschädigende Vorurtaile. Denn das Image vom klebrigen Kopfschmerzenverursacher wird dieses Heißgetränk nicht so schnell los. So legte denn Deutschlands erste Glühweinkönigin Nadine Thome großen Wert darauf, vom „schlechten Ruf vom Glühwein wegzukommen“. Die 2014er Königin des Heißgetränks, Anne-Cathrine Ferber (24), und damit vierte deutsche Glühwein-Hoheit mag „am liebsten den Roten, mit viel Zimt und Orangen“. Vorbildlich trinkt die Studentin bei jedem Einsatz immer nur eine Tasse. „Danach steige ich auf Kinderpunsch um.“
Noch einen weiteren Trend bilden die Glühwein-Abweichler mit der Kernbezeichnung Punsch. Renner bei Ralf ist der Eierpunsch. Es gibt aber auch Kakao mit einem Schuss von Amaretto, Bailey oder Rum. Ebenso die „Strohkolade“ mit Stroh-Rum, Sahne und einer Schokolade in der Tasse ist ein beliebtes Getränk – besonders bei Frauen. In klarem Amtsdeutsch schafft ein Merkblatt der Stadt Solingen Klarheit zu weiteren Ausreißern: „Unzulässig sind auch die Bezeichnungen wie `alkoholfreier Glühwein` bzw. ´alkoholreduzierter Glühwein` oder ´Kinderglühwein` für heißen Fruchtsaft.“ Ein echter Glühwein-Ausreißer ist auch das von Ralf angebotene “Flöff“, ein dunkles Glühbier mit Apfel, Zimt und einem Schuss Legende. Das ist relativ neu und kommt wohl aus der Ulmer Gegend. Ein In-Getränk mit immer einem Restgeheimnis.

Auto und Fahrrad besser stehen lassen

Und die Wirkung all dieser herrlich adventlichen Cocktails? Ralf beobachtet bei seinen Gästen sehr häufig, dass zum Start einer Geselligkeit mit Familie, Freunden oder Kollegen traditionell „ein Glühweinchen“ getrunken wird. Dann steigen aber viele schon um z.B. zum nichtalkoholischen Kinderpunsch. Ralf findet das gut, „denn häufig geht es danach ins Auto oder sogar wieder ins Büro.“ Das bestärkt auch der Verkehrspsychologe Dr. Don Devol vom TÜV Thüringen. Er emphielt den Glühwein-Enthusiasten, Auto und Fahrrad besser stehen zu lassen: Denn „bereits nach dem ersten Glühwein kann je nach Rezeptur und Alkoholgehalt bei einem Mann mit einem Gewicht von 80 Kilogramm die Blutalkoholkonzentration über die kritische Grenze von 0,3 Promille ansteigen.“
Klar, dass ein Glühwein-Stand immer auch etwas mit Temperaturen zu tun hat – nicht zuletzt auch der Geschäftserfolg. Die Erfahrung von Ralf: „Bei unter Null Grad und über 15 Grad Celsius läuft nicht viel. Ideal ist das Geschäft zwischen null und sieben Grad Celsius.“ Wir haben jetzt gerade vier Grad, leichten Nieselregen und adventlichen Lichterglanz auf einem kleinen Weihnachtsmarkt. Das Geschäft brummt. Besser so, als wenn der Kopf brummt – denkt Ralf und reicht mal eben einen glatten Vierer (4 Tassen) seines heißen Stimmungsmachers nach draußen.

Zu Weihnachten dann regelrecht platt

Am 23. Dezember ist dann nach 30 Tagen Stress, Kälte, Kreuzschmerzen und vom Spülen strapazierten Händen um 22 Uhr Schluss. An diesem Tag geht es gewöhnlich nochmals so richtig rund. Denn viele kommen ganz bewusst zum Abglühen. Bis zum anderen Tag mittags muss dann alles geräumt sein. So will es die Stadt.
Ralfs gemütliche Glühwein-Hütte wird am Ende der adventlichen Saison für ein knappes Jahr eingemottet. Und an Weihnachten 2014 ist Ralf – wie jedes Jahr –„regelrecht platt“. Dafür gibt es aber in 2015 einen schönen Urlaub – auch mit Geld aus der winterlichen Glühwein-Zeit. Eine Win-Win-Aktion.Das ist es auch für den wohl ältesten Gast, der Ralf seit zwölf Jahren die Treue hält. Er ist heute 86 Jahr e alt und trinkt wie eh und je hier sein Glühweinchen – oder auch zwei…

Dieter Buchholtz

 

Aus einem Arzneibuch von 1580
Hieronymus Bock empfiehlt den Kräuterwein „wider das Wehtun der Brust“. Er treibe „die verhaltene Mon(d)zeit der Frauen und vertreibt die Schrecken, wovon der Harn schmerzlich gefangen wird“. Ach ja, er hilft auch bei „feuchtem Magen“, also bei Durchfall. Wer es glaubt, wird glühweinseelig.

 

Rezepte

ohne Alkohol

Glühwein für 1 Liter
Ca. ½ Liter Wasser kochen, 2 Teebeutel Früchtetee 5 Minuten darin ziehen lassen
Je 1 kleines Glas Apfelsaft und Orangensaft, alternativ Holundersaft
½ Teelöffel Zimt, 2 Nelken, eine Prise Kardamom, etwas Vanillezucker
zum Süßen Kandiszucker oder Honig je nach Geschmack

 

 mit Alkohol

Glühwein für 1 Liter

1 Liter Rotwein, trocken, 50 ml Rum, 2 Orange(n), saftige, ungespritzt, in Scheiben geschnitten, 7 Nelke(n), 2 Stange/n Zimt, 1 Sternanis, 50 g Kandiszucker, braun, kann auch mehr sein.

Zubereitung
Arbeitszeit: ca. 15 Min., Schwierigkeitsgrad: simpel.
Den Rotwein, die Gewürze, die Orangenscheiben und den frisch ausgepressten Orangensaft in einen Topf geben und bei niedriger Stufe erhitzen, jedoch nicht kochen lassen! Dann den Rum und den Zucker hinzugeben und nochmals kurz erhitzen. Gewürze und Orangenscheiben abseihen und den Glühwein sofort heiß servieren!

 

Rezeptquellen

Chefkoch.de

küchengötter.de




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